• Christian von Wartburg

Meine 1. August-Rede - still, leise und nicht gehalten

Aktualisiert: 6. Aug 2019

Geschätzte Mitbewohnerinnen und Mitbewohner der Schweiz


Thomas Hürlimann erzählt in einer seiner eigenen 1. August-Reden von der Rede seines Vaters, Hans Hürlimann, auf dem Rathausplatz in Schwyz im Jahr 1958:

Der Himmel über den Mythen war schwarz geworden, schon wummert nah ein Donner, schon klatschen erste Tropfen herab, Trachtenfrauen, Ehrengäste, Turner und Alphornbläser stürzen davon, aber vorn, am Rednerpult, gibt der Vater nicht auf. Tapfer stösst er die Schwurfinger ins herabplatzende Gewitter und: «Unter solchen Blitzen», schreit er, «im Glanz solcher Blitze, Miteidgenossen, ist der Bund der Freiheit geschlossen worden!»

Miteidgenossinnen und auch Ausländerinnen waren wohl schon auf dem Platz, gemeint und angesprochen wurden sie jedoch damals offensichtlich nicht. Es war eine andere Zeit, eine andere Konvention, aber vor allem eine andere Realität für Frauen.


Mein Grossvater war zur gleichen Zeit Arzt in Zug, in welcher Hürlimann damals Regierungsrat war. Auch er, Patriarch alter Prägung, durch und durch, auch er hätte mit Sicherheit nur von den Miteidgenossen gesprochen. Die Männer rauchten im Salon, die Frauen waren in der Küche beim Abwasch.


Die Zeiten haben sich geändert, das Land hat sich geändert.


Wie ungerecht erscheinen heute die Ungleichheit, diese leidigen Konventionen und Vorrechte der Männer, die so vielen Menschen die Freiheit genommen haben, ihr Leben frei und unabhängig zu gestalten. Diese kurze Rückschau lässt auch die ganze Kraft und Freiheit des diesjährigen Frauenstreiktags am 14. Juni nochmals aufleben.


Ich bin überzeugt, dass in der Veränderung eine grosse Kraft liegt. Wer hätte gedacht, dass aus einem im Bürgerkrieg zerstrittenen Bauernstaat mit patriarchalen Strukturen, mit verschiedenen Religionen und Sprachen, hohen Bergen und wenig Rohstoffen einmal ein erfolgreiches und offenes Land wird, dass die Gleichberechtigung in der Verfassung verankert hat?


Aber der Erfolg verpflichtet auch:


Erstens: Es gibt immer noch nirgends auf der Welt volle Gleichberechtigung. Auch wir müssen endlich den Kreis, der in einer modernen Gesellschaft Berechtigten, weiter ziehen. Herkunft, Rasse, Geschlecht, Religion und sexuelle Orientierung sind hoffentlich nie mehr taugliche Ausgrenzungskriterien.


Zweitens: Die Schweiz liegt mitten in Europa. Was Adolf Muschg 2006 sagte stimmt nach wie vor:

«Die Schweiz ist ein Kernland Europas, es verdient nicht, sein Hinterhof zu werden, auf dem sich Geschäfte machen lassen, die das Tageslicht scheuen müssen.» Die Schweiz, sagte er, könne sehr viel dazu beitragen, «dass die Einrichtung des europäischen Hauses besser stimmt.»

Und vergessen wir nicht: Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts war geprägt von Kriegen, Intoleranz, Nationalismus, Antisemitismus, Rassismus und Terror. Die zweite Hälfte von der Idee, dass Völker über Grenzen hinweg sich stützen und in Respekt und in Würde miteinander leben sollen.


Und heute? Die europäische Idee wird wieder in Frage gestellt. Das darf nicht sein!.


Gerade wir, mit unserer einzigartigen Erfahrung in der direkten Demokratie und im föderalen Zusammenhalt, wir hätten so viel einzubringen in ein modernes Europa.


Drittens: Der Klimawandel! Und da sind wir, da ist die wohlhabende Schweiz gefordert.

Wohl noch nie vorher konnte eine Generation in der Schweiz so viel konsumieren.

Und der Wohlstand ist nicht unproblematisch. Die Effekte eines wohlgemeinten Öko-Lebensstils verpuffen, wenn gleichzeitig der Konsum ungebremst weitergeht. Ich habe sie gesehen diesen Sommer, all die Landsleute auf den Töffs, in ihren grossen Wagen. Da ist kein Wandel in Sicht.


Umgekehrt belasten Menschen aus ärmeren Milieus, die sich paradoxerweise selber als wenig sparsam und ökologische einschätzen, die Umwelt mit Sicherheit weniger. Tatsache ist, dass eine Bewohnerin, ein Bewohner der Schweiz im Schnitt 14 Tonnen Co2 verbraucht. Das sind 8 Tonnen mehr als der weltweite Durchschnitt.


Und wie auch immer erfolgreich unsere Wirtschaft ist, so wird doch langsam aber sicher allen klar, dass wir damit unsere Zukunft und die unserer Kinder gefährden, wenn wir nicht alles tun, um den Co2-Ausstoss zu senken.


Climate Change is hitting the poorest first, and it is caused by the rich.

Klimawandel wird die Ärmsten zuerst treffen, und er ist in weiten Teilen verursacht durch die reichen Länder. Ländern wie der Schweiz. Klar ist, eine Welt, auf der sich die globale Mitteltemperatur gegenüber dem vorindustriellen Niveau um 4 Grad erwärmt, hat noch nie ein Mensch gesehen.


Darum ist der Klimaschutz gerade auch für die reiche Schweiz, das Land der Banken, ein unverzichtbares Gebot der Stunde.


Klimaschutz kann und wird aber nur erfolgreich sein, wenn er sozialverträglich erfolgt.


Es darf nicht sein, dass durch die Massnahmen in der Klimapolitik untere Einkommensschichten weiter unter Druck kommen.


Meine Vorschlag ist deshalb eine globale Klimasteuer, die weltweit auf sämtlichen Finanztransaktionen erhoben würde. Der gesamte Ertrag der Steuer käme dem Klimaschutz zu. So würde das Kapital auf Dauer einen fairen Beitrag leisten, um die Klima-Katastrophe zu drosseln und die Behebung der Schäden mitzufinanzieren.


Wenn Kapitalismus, dann wenigstens einer, bei dem das Kapital nicht nur arbeitet, sondern vorausschauend auch einen relevanten Beitrag zur Eindämmung des Klimawandels leistet.


Schliessen will ich mit Max Frisch:

Machen wir Gebrauch von der Freiheit, der wir uns rühmen, der Freiheit der Gedanken und der Freiheit der Rede.

Nutzen wir die Freiheit, die uns der Erfolg unseres Landes gibt, um zu handeln.


In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen einen schönen 1. August.

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